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"Geschlossene Gesellschaft": Drei Personen, die im Leben einander nie begegnet sind, werden nach ihrem Tod für alle Ewigkeit in einem Hotelzimmer zusammensein.
Das ist die Hölle.
"Wenn meine Beziehungen schlecht sind, begebe ich mich in die totale Abhängigkeit von anderen. Und dann bin ich tatsächlich in der Hölle. Und es gibt eine Menge Leute auf der Welt, die in der Hölle sind, weil sie zu sehr vom Urteil anderer abhängen."
(Jean-Paul Sartre)
Der vor der Einberufung geflohene Garcin, die lesbische Ines und die Kindsmörderin Estelle treffen sich nach ihrem Tod in der Hölle. Doch die Hölle besteht nicht aus Marterpfählen und Bratrosten, sondern die Hölle, das sind die andern. Jeder ist für den andern der Henker. Es gibt keinen Spiegel, in dem man sich selbst betrachten kann. Jeder kann zu sich selbst nur durch den andern kommen. Keiner kann sich des andern entziehen. Selbst wenn der andere sich zurückzieht, ist er durch seinen Blick allgegenwärtig. Tagein tagaus brennt das Licht. Es gibt nicht einmal den Lidschlag, durch den ich mich für einen kurzen Moment von den andern lösen kann.
Zuerst versucht jeder sich dem Andern anders zu präsentieren, als er selbst ist. Sie spielen Komödie. Zu Beginn wollen alle die andern glauben machen, dass sie durch ein Versehen in der Hölle gelandet sind. Dann wird nach und nach ein kleiner Fehler eingestanden. Aber erst am Ende kommt die Wahrheit zu Tage. Zuerst Ines, dann auch die beiden andern erkennen, dass jeder vom andern abhängt.
Es beginnt eine ungemütliche ménage à trois. Die lesbische Ines will Estelle haben, doch diese interessiert sich nur für den Mann, für Garcin. Und Garcin lässt sich wohl mit Estelle ein, doch es ist nur das Urteil von Ines, das für ihn zählt. So wird klar, dass nicht nur jeder von jedem abhängt, sondern dass im Kampf um ein günstiges Bild von mir nicht das Urteil jeder Person gleich viel zählt.
Noch schlimmer wird die Lage dadurch, dass der andere in seinem Urteil über mich bewusst eine Unwahrheit sagen kann. In der Beurteilung meiner selbst hänge ich ganz von den Andern ab. Die Frage, ob Garcin ein Feigling ist, entscheidet sich dadurch, ob die andern in ihm einen Feigling sehen. Garcin muss erkennen, dass nur die Taten über das entscheiden, was man gewollt hat. Keiner stirbt rechtzeitig; keiner stirbt erst, nachdem er alle seine Absichten in Taten umgesetzt hat. Man stirbt immer zum falschen Zeitpunkt – entweder zu früh oder zu spät.
Dante benötigte im Mittelalter dreiunddreißig Gesänge, um die Hölle zu schildern, Sartre genügte 1944 ein einziger Akt, ein einziger, verschlossener Raum, drei Menschen, die sich niemals zuvor begegnet sind, die im Leben um Anerkennung buhlten, immer auf die Urteile der anderen bedacht waren, und die jetzt, in der Hölle, nicht mehr in der Lage sind, diese Urteile geradezubiegen. Die jetzt sind, was sie waren, für immer und ewig. "Geschlossene Gesellschaft" ist kompakte, intensive und leicht zugängliche Philosophie/Psychologie, die zum Denken, Überdenken und nochmal-Lesen anregt!
Geboren am 21.06.1905, wuchs Sartre nach dem frühen Tod seines Vaters im Jahre 1906 bis zur Wiederheirat seiner Mutter im Jahre 1917 bei seinen Großeltern Schweitzer in Paris auf. 1929, vor seiner Agrégation in Philosophie, lernte er seine Lebensgefährtin Simone de Beauvoir kennen, mit der er eine unkonventionelle Bindung einging, die für viele zu einem emanzipatorischen Vorbild wurde. 1931-1937 war er Gymnasiallehrer in Philosophie in Le Havre und Laon und 1937-1944 in Paris. 1933 Stipendiat des Institut Français in Berlin, wo er sich mit der Philosophie Husserls auseinandersetzte.
Am 02.09.1939 wurde er eingezogen und geriet 1940 in deutsche Kriegsgefangenschaft, aus der er 1941 mit gefälschten Entlassungspapieren entkam. Noch 1943 wurde unter deutscher Besatzung sein erstes Theaterstück «Die Fliegen» aufgeführt; im selben Jahr erschien sein philosophisches Hauptwerk «Das Sein und das Nichts». Unmittelbar nach dem Krieg wurde Sartres Philosophie unter dem journalistischen Schlagwort «Existenzialismus»zu einem modischen Bezugspunkt der Revolte gegen bürgerliche Lebensformen. 1964 lehnte er die Annahme des Nobelpreises ab. Zahlreiche Reisen führten ihn in die USA, die UdSSR, nach China, Haiti, Kuba, Brasilien, Nordafrika, Schwarzafrika, Israel, Japan und in fast alle Länder Europas. Er traf sich mit Roosevelt, Chruschtschow, Mao Tse-tung, Castro, Che Guevara, Tito, Kubitschek, Nasser, Eschkol. Sartre starb am 15.4.1980 in Paris.
Auszeichnungen: Prix du Roman populiste für «Le mur» (1940); Nobelpreis für Literatur (1964, abgelehnt); Ehrendoktor der Universität Jerusalem (1976).
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